Molekulare Cytogenetik

Mikrodeletionssyndrome

Mikrodeletionssyndrome weisen typischerweise einen charakteristischen Phänotyp auf (z.B. DiGeorge-Syndrom) und werden durch den kombinierten Verlust benachbarter Gene verursacht. Die Deletionen sind in aller Regel so klein (meist wenige Megabasenpaare), dass sie mit herkömmlichen cytogenetischen Methoden nicht darstellbar sind. Der Nachweis dieser Deletionen kann durch FISH mit spezifischen DNA-Sonden auf Chromosomenpräparaten erfolgen.

Ein allgemeines Screening auf Mikrodeletionserkrankungen ist nicht möglich. Werden bei der Anforderung einer Chromosomenanalyse nur unspezifische Symptome (ohne Verdachtsdiagnose) angegeben, würde keine FISH-Untersuchung durchgeführt werden. Bei V.a. auf eine der unten aufgeführten Erkrankungen muss daher die FISH-Analyse gezielt angefordert werden.

Routinemäßig bieten wir FISH-Untersuchungen zu den in der Tabelle aufgeführten Mikrodeletionserkrankungen an, weitere Erkrankungen können evtl. nach Rücksprache untersucht werden.

Gerne können Patienten mit der Fragestellung, ob entsprechende Untersuchungen sinnvoll sind, in unserer Syndromsprechstunde vorgestellt werden.

Ausschnitt einer Metaphase nach FISH mit der N25-Sonde aus der DiGeorge-Syndrom kritischen Chromosomenregion 22q11.2 sowie einer Kontrollsonde (ARSA) im Subtelomerbereich des langen Armes der Chromosomen 22 (Vysis). Die Kontrollsonde (grün) zeigt regelrechte Signale auf beiden Chromosomen 22, die N25-Sonde (rot) zeigt nur auf einem der beiden Chromosomen 22 ein Signal. Somit konnte eine hemizygote Deletion 22q11.2 (Pfeil) nachgewiesen werden, welche mit herkömmlichen Färbeverfahren nicht dargestellt werden kann.

Syndrom

Charakteristische Hauptmerkmale

Kritische chromosomale Deletionsregion

Bemerkungen

Angelman-Syndrom

Lachattacken
Ataxie,
fehlende Sprachentwicklung
Anfallsleiden

15q11.2

Weitere Ursachen: UPD, Imprintmutationen

Cri-du-chat-Syndrom

Typ. Gesichtsdysmorphie, Kleinwuchs, katzenschreiähnliches Weinen (nur kurz postpartal)

5p15.2

ca. 90% de novo Deletion, in den übrigen Fällen komplexe Strukturanomalie, z.B. unbalancierte Translokation

DiGeorge-Syndrom

Thymusaplasie
Hypoparathyreoidismus
konotrunkale Herzfehler

22q11.2

In 6-10% familiär mit dominantem Vererbungsmodus
Sehr variabler Phänotyp
Gruppe von Erkrankungen zusammengefasst als Monosomie 22q11.2

Velo-Cardio-Faciales-Syndrom
(Shprintzen-VCF-Syndrom)

Gaumenspalte
hypernasale Sprache
konotrunkale Herzfehler

22q11.2

Kallmann-Syndrom

Klinefelter-Syndrom ähnlich, hypogonadotroper Hypogonadismus, Anosmie/Hyposmie

Xp22.3

X-chromosomal, heterogen (3 Gene), begleitende mentale Retardierung nur bei großer Deletion von Xp22.3

Mikrodeletion 1p36

Psychomotorische Retardierung, lange offene große Fontanelle, Fütterunsschwierigkeiten, Sprachdefizite

1p36

Differentialdiagnose Prader-Willi-Syndrom, in 2/3 der Fälle de novo terminale Deletion, in 1/3 komplexe Strukturananomalie (z.B. Folge einer balancierten elterlichen Translokation)

Miller-Dieker-Syndrom

Mikrocephalie-Syndrom mit bitemporalen Eindellungen, Lissencephalie, Gedeihstörung

17p13.3

In 90% Mikrodeletion in 17p13.3, aber auch Ringchromosom 17 oder Translokation, auch Mutationen im LIS1-Gen

Prader-Willi-Syndrom

Neonatale Hypotonie
Adipositas

15q11.2

Weitere Ursachen: UPD, Imprintmutationen

Smith-Magenis-Syndrom

Entwicklungs- und Wachstumsverzögerung, auffälliges Verhalten, Schlafstörungen

17p11.2

In 90% interstitielle Deletion, gelegentlich Mosaikbefunde, auch Mutationen im RAI1-Gen

Williams-Beuren-Syndrom

Supravalvuläre Aortenstenose (SVAS), Hyperkalzämie, charakteristische Facies, raue heisere Stimme

7q11.23

Nicht selten, sollte immer bei SVAS in Erwägung gezogen werden, meist sporadische interstitielle Mikrodeletion in 7q11.23 mit Verlust des Elastin-Gens

Wolf-Hirschhorn-Syndrom

charakteristische Facies
IUGR
Anfallsleiden

4p16.3

Oftmals familiäre Translokationen